Versicherungsbetrug im Wandel: Entwicklungen, Trends und neue Anforderungen an die Betrugsermittlung

Versicherungsbetrug zählt seit Jahren zu den konstanten Herausforderungen der Versicherungswirtschaft. Während sich die grundlegenden Betrugsmuster über Jahrzehnte nur begrenzt verändert haben, steigt die Komplexität ihrer Ausführung deutlich. Digitalisierung, datengetriebene Analysen und Künstliche Intelligenz verändern sowohl die Betrugsmechanismen als auch die Anforderungen an moderne Betrugsermittlung.

Doch wie zeigen sich diese Entwicklungen in der operativen Praxis? Welche Betrugsmuster begegnen Ermittlern aktuell und welche Rolle spielen digitale Spuren, KI und kriminalistische Erfahrung bei der Aufklärung?

Zur Einordnung dieser Entwicklungen haben wir mit Ulrike Brown, Expertin für Betrugsermittlung bei EXCON, gesprochen. Seit mehr als 20 Jahren begleitet sie komplexe Ermittlungsfälle im Versicherungsumfeld und ordnet im Interview aktuelle Trends aus praktischer Perspektive ein.

 

Versicherungsbetrug auf der Spur

Vom analogen Verdachtsfall zur digitalen Ermittlungsrealität

Wie tiefgreifend dieser Wandel ist, zeigt ein Blick zurück. Im Jahr 2002 waren in Deutschland lediglich 46 Prozent der Bevölkerung zwischen 14 und 75 Jahren online. Digitale Kommunikation spielte im Alltag noch eine deutlich geringere Rolle als heute. Ermittlungen basierten überwiegend auf Vor-Ort-Recherchen, Beobachtungen, Zeugenbefragungen und physischen Dokumenten.

Heute hinterlässt nahezu jede Interaktion digitale Spuren über Smartphones, soziale Netzwerke, Telematikdaten, Kommunikationsplattformen oder cloudbasierte Systeme. Für die Betrugsermittlung bedeutet das: Die verfügbare Datenmenge wächst exponentiell, ebenso die Komplexität ihrer Auswertung. Gleichzeitig steigt die Bedeutung digitaler Beweise für die gerichtsverwertbare Dokumentation.

 


 

Betrugsmuster bleiben – ihre Ausführung professionalisiert sich

Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung entstehen im Versicherungsbetrug nur selten völlig neue Deliktsformen. Vielmehr werden bestehende Muster professioneller umgesetzt.

Ulrike Brown beschreibt dies treffend:

„Das Rad wird nicht neu erfunden und aus meiner Sicht gilt das auch für Betrugsmuster. Dennoch spielen zeitgenössische Entwicklungen wie KI definitiv eine Rolle.“

Statt eines grundlegenden Wandels der Betrugsmuster zeigt sich vor allem deren zunehmende technologische Professionalisierung. Bestehende Vorgehensweisen werden heute mit digitalen Mitteln effizienter und schwerer erkennbar umgesetzt etwa durch manipulierte Schadenbilder, digital veränderte Dokumente, gefälschte Identitäten oder koordinierte Netzwerke.

Besonders sichtbar wird diese Entwicklung im Kfz-Segment. Hier beobachten Ermittler vermehrt organisierte Strukturen rund um fingierte Schäden, manipulierte Fahrzeughistorien oder missbräuchlich eingesetzte Autovermietungen. Diese Entwicklung verdeutlicht: Versicherungsbetrug zeigt sich in bestimmten Segmenten zunehmend nicht mehr als isolierte Einzeltat, sondern als arbeitsteilig organisierte Struktur. 
 

Digitale Spuren als zentraler Ermittlungsansatz

Die Digitalisierung schafft nicht nur neue Betrugsrisiken, sie eröffnet zugleich neue Möglichkeiten der Aufklärung. Digitale Forensik, Datenanalyse, Open Source Intelligence (OSINT) und Social Media Intelligence (SOCMINT) gehören inzwischen zu den zentralen Instrumenten moderner Betrugsermittlung. Sie helfen dabei, Zeitachsen zu rekonstruieren, Plausibilitäten zu prüfen und Widersprüche in Sachverhalten sichtbar zu machen.

Ulrike Brown betont die Bedeutung digitaler Informationsquellen:

„Informationen aus digitalen Spuren, Datenanalysen oder Social-Media-Recherchen sind heute nicht mehr wegzudenken und oftmals entscheidend für die gerichtsverwertbare Beweisfindung.“

Damit verschiebt sich die Ermittlungsarbeit zunehmend von reiner Einzelfallprüfung hin zu strukturierter Mustererkennung.

Künstliche Intelligenz: Beschleuniger für Erkennung und Manipulation

Künstliche Intelligenz ist derzeit einer der prägendsten Einflussfaktoren im Fraud Management. Auf Seiten der Versicherer ermöglicht KI schnellere Aufklärung und Prüfung von Verdachtsfällen:

  • schnellere Mustererkennung
  • frühzeitige Anomalieidentifikation
  • Priorisierung verdächtiger Schadenfälle
  • effizientere Ressourcennutzung in Spezialabteilungen

Gleichzeitig nutzen auch Täter technologische Hilfsmittel. Deepfakes, KI-generierte Dokumente, synthetische Stimmen und automatisierte Bildmanipulationen senken die Eintrittsbarrieren für Täuschung.

Die Herausforderung besteht daher nicht nur im Erkennen von Betrug, sondern zunehmend im Verifizieren von Authentizität. Der technologische Fortschritt erhöht damit den Bedarf an validierter Analyse nicht an blindem Vertrauen in automatisierte Systeme.

Mensch und Technologie als komplementäre Systeme

Trotz aller technologischen Fortschritte bleibt Betrugsermittlung ein stark erfahrungsgetriebenes Feld. Algorithmen erkennen Muster. Menschen erkennen Motive, Kontext und Inkonsistenzen.

Besonders komplex werden Ermittlungen bei:

  • länderübergreifenden Sachverhalten
  • kollusiven Strukturen
  • organisierten Betrugsnetzwerken
  • behördennahen Kooperationen
  • großen Beteiligtenkonstellationen

Gerade hier entscheidet kriminalistisches Denken über den Ermittlungserfolg.

Ulrike Brown betont:

„Berufserfahrung, geschärfte Sinne, thinking outside the box und ein globales, interdisziplinäres Netzwerk sind Erfolgsfaktoren für Betrugsermittlungen.“

Diese Einschätzung deckt sich mit einer zentralen Marktentwicklung: Erfolgreiche Fraud-Programme setzen zunehmend auf die Kombination aus Technologie, Fachwissen und interdisziplinärer Zusammenarbeit.

Prävention wird strategischer

Neben der Aufklärung konkreter Verdachtsfälle gewinnt die präventive Betrugsabwehr zunehmend an Bedeutung. Versicherer verfolgen heute verstärkt das Ziel, Auffälligkeiten möglichst früh im Schadenprozess zu identifizieren, idealerweise noch vor einer Regulierung.

Im Fokus steht dabei weniger die isolierte Bewertung einzelner Schadenfälle als vielmehr die systematische Erkennung von Mustern, Anomalien und Zusammenhängen über größere Datenmengen hinweg. Wiederkehrende Beteiligte, ungewöhnliche Schadenkonstellationen oder auffällige Verbindungen zwischen Akteuren können frühzeitig Hinweise auf potenziellen Betrug liefern.

Technologische Unterstützung spielt hierbei eine wichtige Rolle. Datenanalysen und Betrugserkennungssysteme helfen, Auffälligkeiten effizient zu priorisieren. Dennoch zeigt die Praxis, dass technische Systeme allein selten ausreichen.

Wie Ulrike Brown hervorhebt:

„Oftmals ist es ein Zusammenspiel aus Mensch und einer gängigen Betrugserkennungssoftware.“

Gerade bei komplexen oder grenzwertigen Sachverhalten bleibt menschliches Urteilsvermögen entscheidend. Prävention wird daher zunehmend als Zusammenspiel aus Technologie, Erfahrung und kriminalistischem Denken verstanden.

Ausblick: Mehr Daten, mehr Komplexität, höhere Anforderungen

Die Betrugsermittlung im Versicherungsbereich wird in den kommenden Jahren insbesondere durch drei Entwicklungen geprägt sein:

  1. Die Zahl digitaler Beweise steigt kontinuierlich.
  2. Manipulationen werden durch KI qualitativ besser und schwerer erkennbar.
  3. Spezialwissen in OSINT, Forensik und Datenanalyse wird zum entscheidenden Erfolgsfaktor.

Die Zukunft der Betrugsermittlung liegt daher nicht allein in mehr Technologie, sondern in besserer Verknüpfung von Datenanalyse, kriminalistischem Denken und operativer Erfahrung.

Denn auch im digitalen Zeitalter bleibt ein Grundsatz bestehen: Nicht jede Auffälligkeit ist Betrug, aber nahezu jeder Betrugsfall hinterlässt Muster.

Infografik zu Trends im Versicherungsbetrug

Versicherungsbetrug entwickelt sich rasant: organisierte Netzwerke, KI-gestützte Täuschung und digitale Beweismittel verändern die Betrugsermittlung nachhaltig. Unsere Infografik zeigt die 5 wichtigsten Trends, die Betrugserkennung und -ermittlung heute und in Zukunft prägen.

Betrugsermittlung für Versicherungsbetrug bei EXCON

EXCON unterstützt Versicherer und Unternehmen bei komplexen Prüf- und Ermittlungsprozessen. Im Fokus stehen faktenbasierte Analysen, internationale Recherchen und die belastbare Aufbereitung entscheidungsrelevanter Erkenntnisse in anspruchsvollen Fraud-Szenarien.

Automatisierte Betrugserkennung für dokumentenbasierte Prozesse

Die KI-gestützte Betrugserkennung und Plausibilitätsprüfung ist ein automatisiertes Kontrollverfahren zur frühzeitigen Identifikation von Manipulationen, Anomalien und Betrugsmustern in dokumentenbasierten Prozessen für eine kontinuierliche, revisionssichere Risikoanalyse in Echtzeit.